Das Leben ist schön! Von einfach war nie die Rede – oder?

Das Leben ist schön„Wie konntest du das nur tun?“, frage ich vorwurfsvoll und schaue in die großen braunen Augen meines kleinen Bruders. Er ist 17 Jahre alt und hat kürzlich auf einer Party mit einem anderen Mädchen geknutscht. Absolute Treue ist zu diesem Zeitpunkt ein sehr hoher Wert für mich.

„Schau, Mellie“, sagt er mit fester Stimme, „ich bin jung und hab das Recht, Spaß zu haben. Es war schön und ich wollte es tun. Meine Freundin kann selbst entscheiden, ob sie weiterhin mit mir zusammen sein will, oder nicht. Ich liebe sie, doch ich lass mich nicht einsperren.“

Ich bin entsetzt.

Er kann doch nicht einfach die Gefühle seiner Freundin verletzen und sie nach Strich und Faden betrügen! Doch er sieht das ganz locker und ist total entspannt.

Seine Freundin ist bei ihm geblieben und sie waren auch nach diesem Vorfall ein süßes und glückliches Paar.

Etwa ein Jahr später ist mein Bruder bei einem Verkehrsunfall gestorben. Er wurde gerade mal 18. Zum Glück hat er „fremdgeknutscht“ und diesen zusätzlichen Spaß mitgenommen.

Wir werden am Ende eher das bereuen, was wir nicht getan haben, als das, was wir erlebt haben.

Noch heute bin ich schwer beeindruckt von der Weisheit und Klarheit,

die dieser junge Kerl bereits in dem Alter hatte. Ich war auch kein Kind von Traurigkeit und hätte mir dennoch die eine oder andere Scheibe von ihm abschneiden können.

Für eine Party hatte er sich mal meinen Golf ausgeliehen und mit einer riesigen Beule zurück gebracht. Ich war echt angepisst, aber er hat einfach gelacht und gemeint, er würde sie schon wieder ausbeulen. Hat er auch.

In der Grundschule wurde meinem Bruder Legasthenie (Lese- und Rechtschreibschwäche) bescheinigt. Seine Lehrer haben meiner Mama ständig gepredigt, sie solle doch mehr mit ihm üben.

Wir sind auf einem Bauernhof aufgewachsen und waren unsere gesamte Kindheit draußen. Meine Mama hatte weder Zeit noch Lust, stundenlang  mit uns für die Schule zu lernen.

Nach seinem Tod war sie heilfroh, dass es nicht getan hat. So hatte mein Bruder eine unbeschwerte Kindheit.

Du bist nur einmal jung. Und wenn du es richtig machst, dann reicht auch einmal.

Diesen Spruch habe ich in meiner Jugend oft zitiert und ausgiebig ausgelebt. Ich hab‘s wirklich krachen lassen. Manches war grenzwertig, auch gefährlich und hatte sicherlich nicht immer mit Leichtigkeit zu tun (und es war besser, dass meine Eltern es nicht mitgekriegt haben).

Auch nach dem Unfall bin ich weiter um die Häuser gezogen (und die Häuser waren bei uns am Land immer viele Kilometer entfernt). Ich war erst Anfang 20 und Jungs und Partys waren mein Lebensinhalt.

Es war großartig von meinen Eltern, dass sie weiterhin darauf vertraut haben, dass schon immer alles gut gehen würde. Obwohl das ja definitiv nicht immer der Fall war.

Meine Mama hat oft gesagt, dass sie mich nicht besser schützen könnte, wenn sie wach im Bett liegen würde. Dann könnte sie auch gleich schlafen.

Das fand ich extrem mutig und stark.

Diese Haltung hat mir die Möglichkeit gegeben, meine eigenen Erfahrungen zu machen. Nicht auszudenken, wenn sich meine Eltern permanent Sorgen um mich gemacht hätten.

Ständig Angst zu haben, dass irgendwas Schlimmes passieren könnte, macht das Leben nicht wirklich witzig. Weder für den, der Angst hat, noch für den, um den sich gesorgt wird.

Eine meiner Freundinnen musste immer zu Hause anrufen, sobald sie in der Disko angekommen ist und nochmal, sobald sie wieder losgefahren ist. OMG! Das war peinlich!

Sorgen machen heißt: „Ich vertraue dir nicht und dem Leben auch nicht.“

Das hat nichts mit Liebe zu tun.

Menschen, die sich immerzu Sorgen machen, tarnen sich als liebevolle Wesen, die sich selbstlos um andere kümmern. In Wirklichkeit sind es Kontroll-Freaks. Sie wollen alles und jeden kontrollieren und alles im Griff haben.

„Das Leben und die Liebe lassen sich nicht kontrollieren.“

Es gibt nur eine einzige Sache, die du wirklich unter deine Kontrolle bringen darfst. Und das sind deine Gedanken.

Ob das Leben leicht ist, oder schwer, hat nichts mit dem Leben zu tun. Sondern lediglich damit, wie du über das Leben denkst.

Ein Leben in Leichtigkeit zu führen ist eine Entscheidung. Nichts weiter.

Eine junge Frau fragte mich kürzlich, ob sie sich nicht lieber einen monogamen Mann suchen sollte. Dann müsste sie sich nicht mit ihren Ängsten und ihrer Eifersucht auseinander setzen und das wäre doch viel einfacher.

Freiheit ist ihr wichtigster Wert und das Universum war so nett, ihr einen wundervollen Mann an die Seite zu geben, mit dem sie üben konnte, dem diffusen Begriff „Freiheit“ echtes Leben einzuhauchen.

Eine offene Beziehung zu leben ist sicherlich nicht einfach.

Doch nur deshalb, weil wir alle jahrelang auf Treue konditioniert wurden. Monogamie ist nach wie vor die einzig anerkannte Beziehungsform in unserer Gesellschaft. Alles andere wird als „falsch“ bezeichnet. Es ist eine Herausforderung, sich entspannt und glücklich anderen Formen zu öffnen und Herz und Hirn in Einklang mit den eigenen Werten und Zielen zu bringen.

Es ist nicht die Situation, die schwer ist, sondern die Bewertung der Situation. Die Angst, er könnte eine andere Frau toller finden, mehr lieben und sie verlassen, macht ihr das Leben schwer. Doch auch in monogamen Beziehungen, mit innbrünstigen Treueschwüren, haben wir niemals die Garantie, dass das nicht passieren wird.

Sicherheit ist eine Illusion.

Das Leben zu genießen bedeutet nicht, sich bequem in der Komfort-Zone auszuruhen und  sich keine hohen Ziele zu stecken. Sondern, sich den Ängsten und Zweifeln zu stellen, über sie hinauszuwachsen, stärker zu werden und die Bequemlichkeitszone auszudehnen. Und das mit möglichst viel Spaß.

Der großartige Fitness-Blogger Mark Maslow hat kürzlich geschrieben:

Spaß macht Selbstdisziplin überflüssig!

Wie cool ist das denn?

Und auch hier geht es nicht darum, nur noch das zu tun, was dir Spaß macht. Sondern alles, was zu tun ist, neu zu bewerten:

  • Wie könnte denn die Steuererklärung Spaß machen? Mit Musik? Wenn du daran denkst, dass du eine Rückzahlung erwartest? Wenn du das Bild im Kopf hast, wie sie fertig ist und du das Kuvert in den Briefkasten steckst?
  • Ich koche nicht sehr gerne, doch wenn ich mir Musik anmache und laut mitsingen kann, macht es sogar mir Spaß. Oder ich höre ein gutes Hörbuch dazu, dann habe ich immerhin das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Und wenn ich mir vorstelle, wie wir als Familie am Tisch sitzen und genießen, was ich gekocht habe, fühlt es sich wieder besser an.
  • Schule ist nicht immer super spaßig für meine Kinder. Wenn wir uns darüber unterhalten, lege ich den Fokus auf die Dinge, die toll sind. Sie treffen jeden Tag ihre Freunde, sie haben Pausen, manche Fächer machen Spaß, usw.
  • Früher bin ich laufen gegangen, um abzunehmen. Das hat sich anstrengend angefühlt und mir nicht sehr viel Freude bereitet. Jetzt gehe ich nur noch laufen, um die Natur zu genießen und mein Hirn frei zu blasen. Das fühlt sich total toll an und ich kann mich deutlich besser motivieren. Laufen ist noch immer laufen, doch ich denke anders darüber.

Ich glaube nicht, dass jemand sterben muss, um uns die Bedeutung eines lustigen Lebens nahe zu bringen. Doch wenn eh schon jemand gestorben ist, dann kann ich wenigstens etwas Gutes aus der Sache raus ziehen.

Mein Kopf kann einem „Schicksalsschlag“ die Bedeutung geben: „wie schrecklich und grausam ist dieses Leben/Gott/oderwerauchimmer“, oder ich denke: „es wird schon seinen Sinn haben. Ob ich ihn erkenne, oder nicht.“

Leben darf leicht gehen und Spaß machen. Liebe auch!

Herzlichst

Melanie

PS. Berichte mir doch von deinen Erfahrungen. Ist dein Leben schön? Was ist leicht? Was nicht? Und warum? DANKE!

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